Mittwoch, 10. November 2010

zwischen Zweifel, Angst und Erleichterung


Morgens klingelte das Telefon und ich wünschte mir, dass es
unser grauer Herr nun endlich geschafft hätte. Doch meine Mutter
teilte mir mit, dass er noch immer fast regungslos und friedlich
auf seinem Kellerbett lag, ruhig und gleichmäßig atmete, aber
seine Tücher nun weniger durchfeuchtete. Nur ein einziges Mal
kam es ihr so vor, als ob er hilferufend von seinem Lager auf-
schaute. Allerdings hatte sie in dem Moment auch versehentlich
die grelle Kellerleuchte benutzt, da ihr das Sehen im dunklen
Zimmer mit dem blauen Licht zu schwer fiel. Was nun tun? Gleich
die Tierärztin anrufen, damit ich vielleicht zeitgleich mit Ihr
noch vor der Sprechstunde beim Kellerkater ankommen könnte?
Doch meine Mutter schlug vor: 'Sieh ihn Dir an. Vielleicht wartete
er nur noch auf Dich ...' Ich machte mich also auf den Weg.

Im Keller angekommen erschien er mir ebenfalls so ruhig, als ob
sein Leben jeden Moment zu Ende gehen könnte. Seine Augen
waren leicht geöffnet, nur ab und an bewegte er sein Köpfchen
oder ein wenig seine Pfötchen. Es schien, als ob er tief und fest
schlief. Leidend sah er nicht aus. Aber wie lange würde es so
wohl noch weitergehen? Sollten wir ihn nun wegen des feuchten
Tuches am Hinterteil nochmals umbetten? Oder würde es ihn zu
sehr stören? Doch zu zweit konnten wir sein Handtuch vorsichtig
austauschen, ohne ihn dabei aufzuschrecken.

Ich setzte mich neben ihn auf den Boden und überlegte nun wieder,
ob es noch sinnvoll wäre seinen Weg zu verkürzen. Denn bis 12 Uhr
hatte seine Tierärztin Sprechstunde und könnte sich bestimmt erst
danach zu uns auf den Weg machen. Nur hier im Keller auf dem
Fußboden im blauen Licht wäre es nicht möglich ihm die nötigen
Spritzen zu geben. Also müssten wir ihn zumindest in einen anderen
Raum mit einem Tisch und gutem Arbeitslicht bringen. Nein, es ging
wirklich nicht ums Geld, sondern nur einfach darum nach dem für
ihn passenden Weg zu suchen. Und jetzt in diesem Zustand im grellen
Licht 'einschlafen' zu müssen, das schien keine gute Entscheidung zu
sein. Und ihn deswegen noch in den Garten auf seine Liege tragen?

Es war kurz nach 10 Uhr, meine Mutter kochte mir Kaffee, ich saß
bei Herrn Katze, streichelte ihn, hielt sein Pfötchen, kraulte ihn
leicht hinter den Ohren und hoffte, dass er auf dem Weg sei. Ab und
an bewegte er die Hinterläufe oder ein Vorderpfötchen zitterte, und
manchmal bewegte er den Kopf. Ich tauchte meinen Finger in das
Walnut-Bachblüten-Wasserschälchen und befeuchtete sein Mäulchen.
Ob ihm das wirklich das Sterben erleichtern konnte? Nach und nach
nahmen seine Körperbewegungen leicht zu und seine Hinterpfötchen
schienen Halt zu suchen. Ich schob ihm ein Kissen an den Hinterlauf
und zeitweilig stemmte er sich nun dagegen. Auch das Zittern an
den Vorderpfötchen nahm ich jetzt häufiger wahr. Und plötzlich
fing er an zu maunzen. Erst nur schwach, dann 4 bis 5x im Abstand
von etwa 20 Minuten, wobei der letzte Maunzer lautlos verstummte.
Konnten ihm jetzt die Rescue-Globulis helfen, die uns die
Tierheil-
praktikerin
schon im August für diese Sterbephase gegeben hatte?
Eigentlich wollte ich ihn nun nicht allein lassen, aber meine Mutter
war gerade mit meiner Großmutter beschäftigt. Also bereitete
ich in der Küche schnell eine Spritze mit Bachblütenwasser und
Rescue-Globulis vor und kehrte zurück. Diese Mischung träufelte
ich nun langsam in sein leicht geöffnetes Mäulchen. Er war wieder
ganz ruhig, atmete gleichmäßig und lag entspannt auf seinem
Lager. Doch nach einiger Zeit begann wieder das Zucken der
Pfötchen und die Bewegungen der Hinterläufe, die nun Halt am
Kissen fanden. Das Köpfchen bewegte sich, und er maunzte dabei.
Das Maunzen steigerte sich im Laufe der Zeit auf 9 bis 10x hinter-
einander, wobei die beiden letzten Laute kaum zu hören waren.
Dazwischen kehrte wieder entspannte Ruhe ein.

In dem Moment wünschte ich mir, dass ich nun doch bereits am
Montagabend seine Tierärztin angerufen hätte. Denn nun ahnte ich,
dass er sich bis heute früh erst in der zweiten Sterbephase befunden
hatte, die ihn nur in einen apathischen Zustand versetzt hatte. Uns
erschien dieser friedliche Schlaf wie ein Loslösen. Meine Mutter
hatte seit Montag nur zeitweilig ein leichtes Zittern bei ihm wahr-
genommen. Weder unruhige Bewegungen noch Maunzer konnte sie
bei ihren längeren Aufenthalten bei ihm im Keller feststellen. Aber
nun befand er sich wahrscheinlich erst in der Phase der Auflösung:
Dem letzten Auflodern fast aller Körperfunktionen, wobei auch die
Schmerzempfindlichkeit einige Zeit ansteigt. In dieser Sterbephase
kann es zu auffälligen Körperreaktionen kommen, wie Aufbäumen,
Zuckungen, Krämpfe und Lautäusserungen.
Diese sehr hilfreichen
Beschreibungen über das Sterben
hatte ich gestern noch im www
entdeckt. Doch beim Lesen des Textes war ich mir sicher, dass er
diesen Moment bereits am Montag Nachmittag im Garten und an-
schließend im Wohnzimmer durchleben musste.

Nun war es fast 12 Uhr die Zuckungen und die Bewegungen der
Hinterläufe nahmen etwas ab. Aber das zeitweilige Mauzen blieb.
Würde die Tierärztin nun noch rechtzeitig kommen? Oder würde
sie nur das Ende eines natürlichen Prozesses unterbrechen, um
sein Sterben auf eine andere Art fortzuführen? Ich entschied: Da
müssen wir jetzt durch. In meinem Bachblüten-Büchlein schlug ich
nach, dass ich in dieser Notfallsituation Herrn Katze alle 15 Minuten
Rescue geben könnte. Warum hatte ich mir nicht gleich nach der
ersten Verabreichung ein Schälchen mit Bachblütenwasser, eine
kleine
Spritze und die Rescue-Globulis neben sein Lager gestellt?
Warum hatte ich mir den Text, den ich gestern so hilfreich fand,
nicht ausgedruckt? War es nun gut sein Pfötchen zu halten, sein
Köpfchen sanft zu streicheln, sollte ich nur leise mit ihm sprechen
oder einfach nur da sein? Ruhe bewahren und ihn dort so liegen zu
sehen, war unheimlich schwer.

Meine Uhr hatte ich zuvor im Flur liegen gelassen. Dieser letzte
Tag sollte nur ihm gehören. Aber je häufiger er maunzte, und ich
immer mehr jedes Zeitgefühl verlor, hatte ich das Bedürfnis zu
wissen, in welchen Abständen er nun diese Laute hervorbrachte,
und wann es wieder Zeit für die hoffentlich beruhigenden Globulis
war. Kurz vor 13 Uhr hatte er zwischen zwei Intervallen nur eine
Ruhepause von ca. 5 Minuten. Und danach wieder eine etwas
längere Erholungszeit. Bis dann um etwa um 13:10 Uhr ein ganz
leiser Maunzer verstummte. Danach bewegte sich der kleine Körper
ganz langsam in rutschenden Bewegungen bis zum Rand des Lagers,
und sein Köpfchen lag auf den kalten Fliesen. Schnell schob ich ihm
ein Handtuch unter. Nun war ganz kurz in der Atmung ein leichtes
Hecheln wahrzunehmen, dazu ein kleines Schniefen, etwas Zucken
und allmählich war zu erahnen, dass sein Körper immer mehr in
sich zusammenfiel. Das Mäulchen war nun leicht geöffnet und das
Ein- und Ausatmen dauerte immer länger. Ich atmete auf, doch er
brauchte noch einige Zeit bis sein Körper sich nicht mehr bewegte.
Gegen 13:25 Uhr war ich mir sicher, dass er es überstanden hatte.
Ich blieb aber noch etwas bei ihm. Nun sah er wieder so friedlich
und entspannt aus. Aber ich schwankte noch immer zwischen
dem Zweifel ob dieser Weg wirklich der richtige für ihn war,
und der Erleichterung, dass er es nun endlich geschafft hatte.


Kommentare:

Petra hat gesagt…

Eine sehr ergreifende Schilderung...ich bin sehr traurig aber sicher: Es war so das Beste für den kleinen Kämpfer...und wir werden ihn alle vermissen...

Christina hat gesagt…

Deine Schilderung von Katerchens letzten Stunden berührt mich sehr. Es ist gut, so wie es war.

Liebe Grüße, Christina

renate hat gesagt…

mir fehlen die Worte ... die Tränen laufen

Kleine-creative-Welt hat gesagt…

Ach Silke, auch ich finde keine Worte - kann nur meine immer währenden Gedanken ausdrücken: Das Leben kann so unendlich schwer sein -
ich drück dich - und bewundere deine Kraft - ich hoffe, es geht dir gut -
Ruth