Montag, 8. November 2010

Kellergeborgenheit


Im Wohnraum war er nicht zu beruhigen. Deswegen brachte
ich ihn nun doch in seinen vertrauten Keller, um dort die
hoffentlich bald eintretende Wirkung der Salze abzuwarten.
Sogleich machte er sich auf den Weg zum Katzenklo, war
jedoch noch immer nicht erfolgreich.

Als ich ihm dort seine blaue 40 Watt Glühlampe über dem Liegeplatz
anschaltete, legte er sich sofort mit dem Köpfchen unter den Licht-
kegel und wurde bald darauf erstaunlich ruhig. Dann bekam er noch
die Wärmflasche an seine Rückenlehne, und bald darauf schienen
seine Krämpfe etwas nachzulassen. Jetzt war er sogar bereit ein
wenig Fleischsaft mit Salzen zu schlabbern, aber wirklich nur sehr
wenig. Kein Maunzen, kein Wimmern - er war einfach nur müde und
erschöpft. Er legte das Köpfchen zur Seite, legte es manchmal auf
die Pfoten und atmete ganz ruhig und gleichmäßig. Ganz selten gab
es ein tiefes Einatmen - so wie ein Seufzen. Aber sonst bewegte
sich nichts. Nur ab und an war ein ganz leichtes Zittern wahrnehmbar.
Schmerzen schien er nicht mehr zu haben, doch es kam mir so vor,
als ob er jetzt endlich bereit war. Es war 18 Uhr und noch Zeit seine
Tierärztin anzurufen, damit sie nach der Sprechstunde seinen bevor-
stehenden Weg verkürzen könnte. Doch wie er so friedlich da lag,
hegten wir die Hoffnung, dass er es jetzt auch allein schaffen könnte.
Denn nach dem Mittagslachs hatte er kein Interesse mehr am Fressen
und wendete sich vom Schälchen ab. Und so, wie er sich nach
14 Uhr ruhelos durch den Garten bewegte, sich dann seinen Platz
unter dem Taxus suchte und plötzlich einige Zeit jämmerlich
maunzte, wie wir es vorher noch nie von ihm gehört hatten,
schien er nun seine
dritte Sterbephase hinter sich zu haben. Nur
den häufiger beschriebenen Acetongeruch, den konnten wir bisher
noch immer nicht bei ihm feststellen.

Ich verabschiedete mich von dem Katertier mit dem Gefühl,
dass es das letzte Mal sein würde ...

Foto: S.Schneider



Nachtrag Dienstag 9. November 2010:
An diesem Tag telefonierte ich mehrmals mit meiner Mutter. Aber
sie konnte nur mitteilen, dass er gegen Mitternacht versucht hatte
sein Katzenklo aufzusuchen und dort auf den Fliesen lag, als sie
nach ihm schaute. Sie tauschte die durchfeuchteten Tücher seines
Lagers und legte ihn zurück auf seine Matte. Etwas trank er noch.
Und als sie einige Zeit später wieder zu ihm kam, lag er mit dem Po
auf dem Gitterblech des Waschküchen-Abflusses. Wahrscheinlich war
ihm der Weg zum Klo inzwischen zu beschwerlich, und er wählte
nun diese Alternative, um sein Lager nicht mit Kot beschmutzen zu
müssen. Schon damals, als er im August gegen seinen Willen eine
Nacht wegen seiner Harnwegsentzündung im Keller eingesperrt
werden musste, wählte er das Abflußgitter als zusätzliches Katzen-
klo. Aber nun ließ er sich wieder auf seine frischen Handtücher
legen. Und da sich seine Pfötchen ganz kalt anfühlten, legte sie
ihm mit ein paar Streicheleinheiten nochmals eine Wärmflasche in
den Rücken. Ob das richtig war? Aber wie versorgt man Sterbende?

Am Morgen erhielt er neben der Salzmischung, die er wieder ins
Mäulchen bekam, nun auch das Walnut-Bachblütenwasser zur
Verfügung gestellt. Fressen mochte er nicht mehr. Aber seine
Atmung war immer noch erstaunlich ruhig. Er bewegte sich kaum.
Nur ab und an hob er ganz leicht sein Köpfchen. Spätestens jetzt
hätte ich erwartet, dass meine Mutter seinen Anblick nicht mehr
ertragen könnte. Und ich nun eher meine Mutter vom Kater erlösen
lassen müsste, als ihn von seinem Dasein. Aber ihr erging es wahr-
scheinlich ähnlich wie mir am Abend zuvor, als er dort ganz ruhig
im blauen Licht lag und schlief. So hatten wir beide die Hoffnung,
dass er nun irgendwann einfach für immer einschlafen könnte ...


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