Donnerstag, 4. November 2010

Entscheiden?


Am Mittwochmorgen, als ich mit meiner Mutter telefonierte,
entschied ich mich die Entscheidung 'letzter Tag' auf heute zu
verschieben, da der Zustand vom alten grauen Herrn nahezu
unverändert war. Seit Sonntag früh hatte er sich nicht mehr
übergeben müssen, hatte keinen Durchfall, wollte morgens wie
üblich in den Garten, hatte immer noch reichlich Appetit,
sprang immer noch von seinem Liegestuhl-Lager auf den Boden,
lag auf seiner Matte an der Schiebetür und signalisiert bei Bedarf,
dass er lieber wieder auf seine Liege gehoben werden wollte.
Am frühen Nachmittag wartete er im geschützten Garagenbeet
und zog es ausnahmsweise mal vor früher im Haus auf sein Keller-
bett zu schlafen. Das Futter schmeckte immer noch. Und jedes
Mal, wenn meine Mutter ihn im Kellerzimmer besuchte, lag er
dort recht entspannt im Schein der blauen Glühlampe.

Und heute um 10 Uhr wollte er wieder in das Gartenzimmer!

Als ich dann gegen 11 Uhr eintraf, schlief ein alter grauer Herr
ganz selig und leicht ausgestreckt auf der Matte zwischen den
beiden Schiebetüren vom Wintergarten. Von unten schaute mich
wenig später ein altes, noch müdes und etwas erschöpft drein-
blickendes Katerköpfchen mit einem Schlabbermaul an. Das an-
strengende Wochenende, an dem er 2x sein Futter erbrochen
hatte, sah man ihm an. Aber trotz dieses veränderten Anblicks
sah ich immer noch zu viel Leben in dem dünnen Kerl vor seinem
wieder fast leergefutterten Schälchen.

Schon am Morgen, bevor ich losfuhr, hatte ich mir überlegt,
falls ich mich wieder nicht zu dem 'letzten Schritt' durchringen
könnte, dann sollte Herr Katze heute selbst entscheiden. Ob aller-
dings die Entscheidungs-Bachblüten, die uns
die mobile Tierheil-
praktikerin
damals mitgebracht hatte, wirklich etwas bewirken
könnten? Ich habe da so meine Zweifel. Aber nur zusehen, wie
er immer schwächer und weniger wird? Doch anscheinend kämpft
er immer noch dagegen an sein kleines Leben einfach aufzugeben:
Er frisst - teilweise fast 400g Feuchtfutter am Tag - schlabbert
gerne seine Schüßler-Salzmischung und trinkt zusätzlich Wasser.
Der Urin kommt immer noch im einem ganz feinen Strahl oder
in Tröpfchenform über den Tag verteilt aus ihm heraus, und
sein Katzenklo benutzt er, um Kot abzusetzen. Sogar etwas
Körperpflege betreibt er noch ab und an.


Aber ohne Mäulchenputzen, eine Katerwäsche meist 2x pro Woche
und das Herausschneiden bzw. Kämmen seines verfilzten Fells würde
er erbärmlich aussehen. Doch falls er nicht gerade tief schläft, hebt
er sofort interessiert den Kopf, wenn man sich ihm nährt. Und das
würde er wahrscheinlich auch tun, wenn seine Tierärztin zu ihm
in den Garten käme ...

Wie würde es uns wohl in solch' einem Moment ergehen?

Je nach Wetter, Befinden oder Laune bewegt er sich mühsam,
aber zielstrebig durch bestimmte Teile seines Gartens. Und
seine Augen verlieren erst allmählich den Glanz. Sie sehen
jedoch noch nicht trüb aus. Ebenso schaut manchmal die Nick-
haut etwas hervor, doch meist ist sie ebenso schnell wieder
verschwunden. Das seit einigen Monaten ganz anders klingende
Schnurren, dass Katzen nutzen, um sich selbst zu beruhigen bzw.
wenn sie Schmerzen haben, habe ich bisher nur selten und
wenn meist nur kurz beim Katertier gehört.


Und beim Urintest hat sich sein Hämoglobin ohne
weitere Behandlung nun sogar auf +1 verringert!

Also bekam das Katertier am Mittag die Entscheidungs-Bachblüten
in den Wassernapf und in sein Fleischsaft-Schälchen. Dieses Mal
wollte ich zumindest sicher gehen, dass er von der Flüssigkeit
trinkt. Damals am 21. August ließen wir ihm die Wahl und wissen
daher nicht, ob er sich nun mit oder ohne Bachblüten zum Fressen
und damit zum Weiterleben entschieden hatte. Nachdem er reich-
lich geschlabbert hatte, kuschelte er sich auf die Liege und schlief.

Etwa 1 1/2 Stunde später servierte ich ihm Roastbeef und musste
irritiert feststellen, dass er es wie auch am Montag
freudig nahm,
darauf rumkaute, es aber wieder fallen ließ. Auch dem nächsten
Fleischstück erging es ebenso. Sollten die Bachblüten so schnell
ihre Wirkung entfalten? Da es im Supermarkt auch ganz frischen
Lachs in Scheiben gab, bot ich ihm auch davon etwas an. Nun
mobilisierte ich wohl reichlich kleine Lebensgeister. Denn von
den 50g bzw. den 2 Lachs-Testscheiben blieb nur ein winziges
Stückchen für mich zum Probieren übrig. Jeder noch so kleine
Streifen Fisch, der nicht sogleich im Katermaul landete, wurde
sofort aufgeregt zwischen den Pfoten oder auf dem Laken gesucht
und aufgeschleckt. Schnurrend, glucksend und freudig erregt hatte
er auf seine alten Tage ein Festmahl auf der Gartenliege verspeist.
Und da Fisch bekanntlich schwimmen muss, passte auch noch mehr
Bachblütenwasser in den Katerbauch. Zufrieden kuschelte er sich
danach zum Mittagsschlaf auf seinen Gartenhochsitz. Und auch wenn
er nun sicherlich nur noch wenige Tage hat, diesen besonderen
Moment haben wir gemeinsam genossen.


Als ich ihn gegen 15 Uhr in seinem Gartenzimmer besuchte,
lag er wieder im vorderen Bereich des Wintergartens am
Wassernapf und ging wenig später sogar ein paar Schritte auf
den nassen Rasen. Dort ließ er sich fallen, stand bald darauf
auf, maunzte mich 1x eindringlich an und machte sich auf den
Weg zum Garagenbeet. Was wollte er mir damit sagen?

Als er sich am Weidenstamm an der Garagentür- einem seiner
früheren Gartenplätze - wieder fallen ließ, holte ich ihm schnell
das Futterschälchen. Er trank nochmals daraus. Einige Zeit blieb
er dort liegen und wanderte dann etwas tiefer ins Beet hinter den
Buchsbaum, wo es weniger feucht war. War das nun das so lange
schon erwartete Verkriechen? Hinter dem Buchsbaum gab es im
Nieselregen nicht viel für ihn zu beobachten. Sein Köpfchen war
aufrecht, aber er schien zu sinnieren. Oder wollte er nun wieder
früher als sonst in seinen Keller? Also öffnete ich ihm die Tür zum
Wohnzimmer. Und wenig später kam Herr Katze aus dem Beet und
steuerte auf die Treppe zu. Wenn ich seinen Maunzer verstanden
hätte, dann hätte er es einfacher haben können!

So kam er nun mit etwas Verspätung auf sein Kellerbett an.

Am Abend musste er dann trotzdem noch eine Wäsche über sich
ergehen lassen. Aber zum Trocknen seines Fells konnte ich ihn
leider nur wenige Minuten im Wohnzimmer halten. Vielleicht
störte ihn dort auch die Heizungswärme ...

In Handtücher gehüllt, mit der Wärmflasche am Rücken und
einem gut gefüllten Futternapf vor den Pfoten lag er dann bald
wieder zufriedener auf seinem Kellerlager und futterte. Und da
er am Montag sein Roastbeef auch erst abends im Keller mochte,
startete ich noch einen Versuch. Doch diese saftigen Stückchen
wurden nur durchgekaut und ausgespuckt. Also genehmigte ich mir
ausnahmsweise mal den Rest der Scheibe und musste feststellen,
dass Herr Katze wirklich ein großer Genießer ist. Denn die Scheibe
schmeckte einfach nach gar nichts!

Als ich nach Hause fuhr, lag Herr Katze dicht an seine Wärmflasche
gekuschelt im blauen Licht ...

Fotos: S.Schneider



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